Lebendige Stadt
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Das Licht der Städte

Licht prägt entscheidend das Image der Städte. Beleuchtungskonzepte und
komplette Masterpläne sind deshalb überall sehr gefragt.

Die Stadt ist der Geburtsort des öffentlichen künstlichen Lichts. Seit den
Spektakeln der Weltausstellungen und den Boulevards der Flaneure im 19.
Jahrhundert sind vor allem in den Metropolen flächendeckend komplexe,
zuweilen chaotische Lichtlandschaften entstanden. Ihre Grenzenlosigkeit wird
nur von zwei wirklich ernsthaften Widersachern verhindert: dem Ladenschluss
und der chronischen Finanznot der kommunalen Kassen. Sichtbarkeit im
städtischen Raum auch in der dunklen Tageshälfte ist ein hohes Gut für
viele. Dass diese Tatsache nicht nur für die Bewohner, sondern auch für die
Stadt selbst zutrifft, gilt in Zeiten des kommunalen Wettbewerbs mehr denn
je: Die Stadt wird zur Bühne. Die Konsequenz: Lichtkonzepte und ganze
Masterpläne für Innenstadtbereiche sind überall gefragt.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben die Städte die Chance, neue Ansätze zu
verwirklichen. Lichtkonzepte der Zukunft verstehen sich nicht als
Handlungsanweisung zur unreflektierten Hellmachung, sondern als Beitrag zur
Kultur des öffentlichen Raumes, als Qualifizierungsstrategien urbanen
Bewusstseins und urbanen Lebens. Vorbildliche Entwicklungen der
Lichtindustrie - etwa Philips - schaffen dabei die technischen
Voraussetzungen Voraussetzungen für das zeitgemäße Leuchten. Jedes
Lichtkonzept beginnt mit einer Analyse der gegebenen Situation. Eine
Differenzierung in erstes, zweites und drittes Licht erlaubt einen
praktischen Überblick. Das erste Licht der Stadt ist das kommunale
Versorgungslicht. Es ist ein nach DIN-Normen geregeltes "Muss-Licht" für
Sicherheit und Orientierung. Als öffentliches Funktionslicht war das erste
Licht lange Zeit Synonym für Stadtlicht überhaupt.

Das zweite Licht lässt sich in Kurzform als das kommerzielle Licht
beschreiben. Es ist das Licht der Kauf- und Warenhäuser, der großen
Unternehmen, der Hotels, Restaurants, Kinos, Bars, Fußgängerzonen. Es lockt
und verlockt, stellt Waren auf schönste Art dar, verwandelt die Stadt in das
Lichtereignis der kaufbaren Wünsche und Sensationen, in das künstliche
Paradies des Überflusses. Wo erstes und zweites Licht aufeinander treffen,
erweist sich das zweite Licht als der stärkere Darsteller. In Fußgängerzonen
fällt das erste Licht oft kaum noch ins Gewicht und lässt sich zum
kommunalen Kostenvorteil oft sogar ganz ersetzen.

Das dritte Licht ist kein "Muss-Licht", sondern ein "Kann-Licht", ein
charakterisierendes, akzentuierendes und atmosphärisches Licht. Anders als
das erste und das zweite Licht ist das dritte Licht keine Verlängerung des
Tageslichts. Bei ihm geht es nicht um funktionale Notwendigkeiten in der
Ausdehnung täglichen Tuns, sondern um eine nächtliche Erzählung, eine ganz
eigene Wirklichkeit, die erst im Dialog zwischen Licht und Stadt entstehen
kann. Die Bühne Stadt braucht Szenografien aus Tradition und Fortschritt,
Realisationen und Imaginationen, Permanenz und Temporärem. Keine Identität
der Stadt ohne eine Ansicht der Stadt. Eine Stadt mit Panorama und Portalen,
mit Mittelpunkt und Flusslauf, ganz im Sinne der klassischen europäischen
Siedlung, kann noch heute dieses Potential ausspielen.

Jede auf Dauer angelegte Lichtkonzeption basiert auf einem Grundkonsens von
Eignern, Anliegern etc. über die Qualität des Lichts, seiner Menge, seiner
Farbe und die Art seiner Anbringung. Eine Voraussetzung der Lichtgestaltung
ist die grundsätzliche Möglichkeit einer Revision des bestehenden
Stadtlichts, einschließlich Fotos: Michael Batz / Ville de Lyon
einschließlich der kommunalen Funktionsbeleuchtung, des ersten Lichts.
Werden im Zuge solcher Revisionen Modernisierungen der Lichttechnik
vorgenommen, zahlen sich solche Eingriffe nicht nur ästhetisch, sondern auch
ökonomisch aus. Im günstigsten Fall finanziert sich eine neue Beleuchtung
durch Energieeinsparung selbst.

Der international gebräuchliche Begriff der "City Beautification" wird
seinem Anspruch umso gerechter, je mehr das Stadtensemble mit allen seinen
Lichtsituationen thematisiert werden kann. Gerade in der Auslassung und
Aussparung, der gewollten Verteilung von Hell und Dunkel, der Übersetzung in
differenzierte Tonwerte kommt eine Steigerung der Qualität zustande. Nicht
die Helligkeit, sondern der Rohstoff Dunkelheit ist das Maß aller Dinge.

Imagination als aktiver Vorgang bedarf weniger des großen Auftritts
dominanter Systeme, sondern des kleinen und schwachen Lichts aus möglichst
unauffälligen Lichtquellen. Nicht die spektakuläre Abfolge von Attraktionen,
sondern die sich durchziehende Gesamtattraktivität steigert die Qualität
eines urbanen Erlebens. Der Mut zum schwachen Licht vereinigt die
wirtschaftliche, die ästhetische und die ökologische Dimension und
entscheidet dadurch über die politische Akzeptanz. Das urbane Licht schafft
die Möglichkeit, das Lichtbild einer Stadt im Kopf des Betrachters zu einer
Imagination von Urbanität werden zu lassen.

http://www.michaelbatz.de