Stiftung Lebendige Stadt
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Der Kulturauftrag unserer Städte

“The city is the people” sagt William Shakespeare – und was ist Kultur? Im Duden: „Die Gesamtheit der geistigen und künstlerischen Lebensäußerungen einer Gemeinschaft, eines Volkes. Feine Lebensart, Erziehung und Bildung.“ Edel ausgedrückt - im Klartext: Kultur ist eine grundsätzliche Umgangsform der Menschen untereinander. Sie ist notwendiger, unabdingbarer Baustein unserer Städte und gehört damit zu unserem täglichen Leben wie der selbstverständliche Gebrauch der Zahnbürste.
 

 

Unser gemeinsamer Kulturauftrag liegt in dem Recht auf gleiche Bildungschancen für alle Bürger, gleich welcher Herkunft, welchen Geschlechts. In der Schule, auch im Sport, vor allem aber in der kreativen Kunst, im Theater können innerhalb einer Gesellschaft Werte vermittelt werden, die ein Miteinander leben „erleichtern“. Das freiwillige Miteinander der Bürger sollte ermöglicht und unterstützt werden, Schwellenängste dürfen gar nicht erst aufkommen. Gemeinschaftliche Erlebnisse fördern die Kommunikation und die Aktivität des Einzelnen - dabei sollte Hoch- nicht Eventkultur im Mittelpunkt stehen. Vor allem aber: Kultur muß für alle Menschen bezahlbar sein.

Auch in Krisenzeiten gibt es Gewinner - die sich auf Kosten anderer Menschen daran bereichern - je nachdem aus welchem Blickwinkel man Krisen betrachtet, ergeben sich durchaus Anlässe, neue (Kultur-)Projekte zu planen, unter dem Vorwand damit Arbeitsplätze anbieten zu können, hinter denen sich letztlich reine Wirtschaftsinteressen verbergen. Verantwortliche (Kultur-)Politik erfordert deshalb ständige Bewegung in allen Bereichen, die Menschen miteinander verbinden sollen. Vorhandenes, wenn es sich bewährt hat, sollte erhalten und fortentwickelt werden, in diesem Sinn kann Kultur durchaus eine Scharnier-funktion zu bereits Bestehendem haben.

Natürlich müssen sich unsere Städte auch technologisch weiter entwickeln, aber nicht anonym; die zu entwickelnden Fortschrittskonzepte sollten die Geschichte der Stadt und ihrer Menschen nicht aus dem Auge verlieren. Architektonisch bedeutet das auch, den Orten an denen Neues entstehen soll, im sinne ihres Geistes, ihrer jeweiligen Atmosphäre gerecht zu werden. Kultur muß die Chance haben, sich in ihrem Umfeld langsam und behutsam zu entwickeln. Sie wachsen und entstehen zu lassen ist wichtiger, als alles gleichzeitig bauen zu wollen; mit der Zeit Gewachsenes hat mehr Chancen auf Bestand.

Kultur-Projekte die nur um ihrer selbst willen entstehen, ohne auf die Menschen ausgerichtet zu sein verlieren innerhalb kürzester Zeit an Qualität. Ohne Qualität geht gar nichts, ihr gegenüber loyal zu sein und sie langfristig zu sichern ist Aufgabe aller für die Projekte Verantwortlichen, auch der Künstler. – Voraussetzung: es muß ein Bedarf bestehen!
In unserer Zeit erhöht sich zunehmend die Notwendigkeit, die demographische Entwicklung zu beachten, aber das darf nicht Grundsatz aller Bedarfsdefinitionen sein, um die Lust in einer solchen Stadt zu leben nicht zu schmälern. Im Gegenteil, die Städte müssen attraktiv gemacht werden, unter anderem indem sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten anderen Kulturen öffnen. Dabei ist es wichtig, auch Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien und bildungsferneren Schichten zu erreichen ohne die Realität aus dem Auge zu verlieren, auch dadurch wird sich langfristig stetig etwas verändern.

Information ist wichtig. Wo Defizite bestehen, müssen Lösungswege überlegt und umgesetzt werden. Bestehende Angebote müssen entsprechend gut vernetzt werden, sowohl im Internet als auch nach wie vor mithilfe Printmedien. Besonders das Angebot für Kinder und Jugendliche muß immer wieder ausgeweitet werden, mit dem Ziel kulturelle Bildung auf hohem Niveau zu erweitern.

Kultur verbindet die Menschen - mit den Städten - mit den Menschen. Sie schafft Arbeitsplätze – in den Ensembles, den Verwaltungen, den Zulieferbetrieben, ebenso wie in den mittelbaren Nutznießern, der Gastronomie, Hotellerie und dem Verkehrswesen.
Kulturausgaben fördern eine blühende und lebendige Kultur-, Bildungs-, und Freizeitwelt. Diese Ausgaben sind Investitionen, sie machen unsere Stadt künstlerisch attraktiv, liebenswert, das Leben in ihr interessanter und tragen so zu unser aller „Lebenswert“ bei. Voraussetzung: Im Mittelpunkt der Kultur steht vor (privat)wirtschaftlichem Interesse der individuelle Mensch.

Susanne Heydenreich
Intendantin Theater der Altstadt, Stuttgart