Stiftung Lebendige Stadt
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„Lebendige Städte durch Stiftung fördern“ von Dittmar Machule

Als der Stifter für sein Vorhaben den Namen „Stiftung Lebendige Stadt“ wählte und bei der Gründungsveranstaltung am 23. Juni 2000 signalisierte, mit einem namhaften Stiftungs-vermögen lebendiges Sein und Werden heutiger europäischer Städte fördern zu wollen, war das etwas Einzigartiges und erschien mutig.
 

 

Von manchen wurde nicht oder falsch verstanden, dass sich eine private gemeinnützige Stiftung auf das weite Feld der Stadtentwicklung konzentrieren will, noch dazu initiiert von der mit gesamt-ganzheitlicher Projektierung höchst erfolgreich in Europa agierenden Einkaufs-Center Entwicklungsgesellschaft Projektmanagement G.m.b.H. & Co. KG unter ihrem Vorsitzenden der Geschäftsführung, Alexander Otto. Inzwischen ist die Stiftung engagiert den durch die Satzung vorgezeichneten Weg gegangen und hat Erfahrungen gesammelt. Sie ist bei vielen, die an stadtentwicklungspolitischem Austausch interessiert sind, bekannt geworden, vor allem auch bei denjenigen, die in Verwaltung, Wirtschaft und Politik Verantwortung für Stadtentwicklungsaktivitäten tragen. Vom heutigen Standpunkt aus war die Wahl des Stiftungsziels eine Pioniertat. Sie war vordringlich motiviert durch die allgemein als problematisch eingeschätzte Zukunft der europäischen (Innen-) Städte, deren akute „Verödung“ sichtbar wurde, und durch den individuellen Vorsatz, den alle gemeinwohl-orientierten Stifter haben, der Gesellschaft „etwas zurückgeben zu wollen“. Faktisch wurde mit dem Stiftungsanliegen eine schon länger „in der Luft liegende“ Notwendigkeit erkannt und bedient: Die Schlüsselorte unseres Wohlstandes – aber auch die unserer Problemkonzentrationen – nämlich die räumlichen Lebensumwelten der (europäischen) Städte kamen als Gesamtheit auf die Förder-Agenda. Der Fördergegenstand wird, ursprünglich-politisch im besten Sinn, nicht als zu optimierende Teilwelt gesehen, sondern integriert, also in seiner Gesamtheit untrennbar verbunden mit gesellschaftlichen und individuellen, sozialen und (vor allem) wirtschaftlichen Teilwelten mit ihren jeweiligen Strukturen.

Zwei Hauptaktionsfelder prägen die Stiftungsaktivitäten von Anfang an, nämlich (A) „gute Praxis“ fördern, also beste Problemlösungen herausfinden und (B) für den Austausch darüber in großer Breite sorgen, vordringlich unter Schlüsselpersonen, die auf verschiedenen Ebenen Verantwortung für die Entwicklung der städtischen Teilwelten tragen. Best practice bedeutet dabei eben nie nur optimale sektorale Problemlösung, sondern immer zugleich Optimierung und Attraktivitätssteigerung des Ganzen durch integrierte Entwicklung, aber sehr realitätsnah und immer auch durch gute wirtschaftliche Machbarkeit. Der Austausch in Form von Workshops, Förderpreisen, Veröffentlichungen und in freien Kongress-Foren soll diejenigen zusammenbringen, die sowieso nicht schon immer ihre Köpfe zusammenstecken. Er soll anregen und letztlich breitere Optionen für Stadtentwicklungsaktivitäten eröffnen. Es ist ein (Weiterbildungs-) Beitrag zu raumorientierter gesellschaftlicher Stadtentwicklung, der sich von fachwissenschaftlichen oder vereinsprogrammatischen Bemühungen unterscheidet und somit durchaus stilbildend wirken könnte. Gelassenheit gegenüber widerstreitenden Positionen war und ist angesagt. Entscheidend ist die auf komplexe Realitäten bezogene und gemeinwohlorientierte Argumentation. Nach meinem Eindruck ist die enorm zunehmende Teilnehmerzahl an den jährlichen Stiftungskongressen nicht allein dem vorzüglichen Buffet, der perfekten Organisation und dem unterhaltenden Rahmenprogramm geschuldet. Ein Bedürfnis nach direkter Kommunikation, über die gemeinsam zu tragende Zukunft unserer Städte und Stadtgesellschaften, von Mensch zu Mensch und mit Chancen zum „Blick über den eigenen Tellerrand hinaus“, wird bedient. Der diffizile Prozesscharakter der Stadtwerdung wird bei solchen Veranstaltungen ebenso bewusst, wie die Qualitäten der historischen (Innen-) Städte, in denen wir in Deutschland in Europa leben und die es für die Zukunft weiter zu entwickeln gilt.

Die überkommenen Städte bleiben lebendig, wenn sie nach unseren Regeln, Bedürfnissen, Wünschen und Möglichkeiten genutzt und nach unseren Leitbildern umgestaltet, erhalten und verwaltet werden. So machten es Generationen vor uns, nach ihren Bildern vom guten Leben und von der „guten (Stadt-) Regierung“. Nur, wer sind „wir“ heute und wer hat die Gestaltungsmacht? Welchen Leitbildern soll in heutigen demokratischen Gesellschaftsstrukturen mit ihren teilweise gegensätzlichen Wertvorstellungen gefolgt werden? Sind wir „Ohne Leitbild?“ Welche der vielen Bilder, die lebendig in den Köpfen und in der Realität existieren, sollen für die Stadt-Dualität – formende Veränderung der Dinge (die gebaute Stadt) und Wechsel des Geschehens (das Tun der Menschen) – richtungweisend werden? Die Einheit von Form und Inhalt lässt Städte mit ihren Licht- und Schattenseiten lebendig sein und werden; schon immer. Sind nur die Dinge erlebbar, aber das zugehörige Geschehen ist nicht vorhanden oder nur virtuell vorstellbar, so sind es tote Städte, verödende Städte. Ist das Geschehen erlebbar, aber die zugehörigen Dinge fehlen, sind nur angedeutet oder vorgespiegelt, so ist das nicht (europäische) Stadt, sondern Theater, Kino, TV oder Werbung. Bekanntermaßen gibt es solches massenhaft und wechselhaft in unseren Städten, wird geradezu Kennzeichen heutiger lebendiger Stadt – die Dinge sind tendenziell zweitrangig geworden. Welche Qualitäten müssen die Dinge und das Geschehen heute in den Städten bieten, damit Menschen – möglichst alle, auch die unangepassten und die benachteiligten und die sogenannten Laien und die sogenannten Fachleute – Stadt als lebenswert und als real lebendig erleben, damit sie mit ihrer eigenen wirklichen Lebendigkeit die Stadt als Ganzes lebendig machen? Mit diesen Fragen sind wir mitten im öffentlichen Leben, im politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Geschehen. Die Diskussion um Antworten auf solche Fragen gilt es zu fördern, nicht nur in kleinen Fachzirkeln, sondern in großer öffentlicher Breite, also mit vielen in der Stadt. In einer pluralistischen Gesellschaft, in der die Freiheit der individuellen und gemeinsamen Meinungsäußerung garantiert ist, sind solche Diskussionen möglich und durch Förderung initiierbar. Warum fördern? Weil solche Diskussionen Grundlage, Kennzeichen und ein kostbares Gut für das Städtische sind, weil viele mitwirken können und Städtisches immer nur im Spannungsfeld von Gemeinsamkeiten und Individualitäten, Mehrheiten und Minderheiten, Hellem und Dunklem lebendig ist. In historischen Entwicklungslinien gesehen: Weil das im europäischen Mittelalter geprägte Wesen der selbstbewussten bürgerlichen Stadt – „Stadtluft macht frei“ – damit auch weiterhin seinen (dem Subsidiaritätsprinzip in unserer Gesellschaftsordnung angepassten) Sinn behält. Nur mit kontrolliertem Experimentieren und Ausprobieren in der Praxis lassen sich Alltagstauglichkeiten und Nachhaltigkeit von Konzepten für lebendige Städte feststellen. Toleranz und Wachsamkeit sind dabei gute Ratgeber.

Mit Freude beobachte ich, dass der entwicklungspolitische Umgang mit der europäischen Stadt sich „in Fachkreisen“ ändert. Das Lebendig-Halten der tradierten Zentren europäischen Lebens mit ihrer langen Geschichte unter heutigen Rahmenbedingungen wird mit neuer Programmatik wieder aktiv und engagiert konstruktiv, alle Aspekte integrierend, diskutiert und angegangen. Zumindest wird ein neuer Politikansatz ab Ende 2008 vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, von der Bauministerkonferenz, vom Deutschen Städtetag, vom Deutschen Städte- und Gemeindebund und von vielen Persönlichkeiten mitgetragen. Die (deutsche) „Nationale Stadtentwicklungspolitik“, ein Poltikanspruch und -ansatz, der 2006 mit einem ersten Memorandum der breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, „bringt Handelnde und Interessierte zum Thema Stadt zusammen. Sie schafft Plattformen für einen lebendigen Austausch, thematisiert aktuelle stadtgesellschaftliche und städtebauliche Trends und greift beispielhafte Handlungs- und Lösungsansätze auf“ (vgl. www.nationale-stadtentwicklungspolitik.de). So ist es geplant und soll es einmal sein. Dieser, der Stiftung Lebendige Stadt wohl bekannter Ansatz war überfällig. Es kann nicht genug solcher Art öffentlich oder privat finanzierter Förderungen von Stadtentwicklung geben. Das Konzept ist auf „die ganze polis“ ausgerichtet. Der Diskussionsgegenstand „die ganze Stadt“ dürfte strukturell Gemeinsinn und Gemeinnutz fördern können. Die Hoffnung ist, dass sich die Ergebnisse des geplanten lebendigen Austauschs einmal in guter Praxis real widerspiegeln, vor allem von möglichst vielen dann auch als „gut“ erlebt werden.

Der Erfolg der Bemühungen ist nicht selbstverständlich. Es gibt mehrere „Gretchenfragen“. Eine lautet: Welche Art Stadt, sozial und räumlich, meinen wir? Sein und Werden unserer heutigen europäischen Stadtwirklichkeiten unterliegen äußerst komplizierten historisch entwickelten Bestimmungsgrößen. Der Gegensatz von Stadt und Land existiert nicht mehr. Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Gemeinden existieren. Menschen mit ihren Egoismen, Interessen und Eitelkeiten haben sich nicht verändert. Ab Beginn der Industrialisierung breitete sich das Städtische physisch-real rasend schnell aus. Begrenzende Stadtmauern verloren ihre Schutzfunktion als Befestigung und ihre Grenzfunktion als Akzisemauer. Spätestens als Mauern fielen, vervielfachten sich Stadt und Städtisches. Heute bedeutet „Geschlossene Ortschaft“ Geschwindigkeitsreduzierung, aber nicht Stadterlebnis. Stadt im 21. Jahrhundert? Das sind Siedlungsformen, die heute mit zusammengesetzten Worten als Altstadt, Kernstadt, Randstadt, Vorstadt, Zwischenstadt, Urban Sprawl, Global City oder Mega City benannt werden. Sie bilden als Gesamtheit höchst unterschiedlich Stadt und Städtisches ab. Stadt ist wesentlich eine Lebensform, deren Merkmale Gemeinsamkeit und Individualität zugleich sind. Heute können Breitbandkabel jede Hütte im Wald virtuell zu einem Teil der Stadt werden lassen. Bekanntermaßen hat „die ganze Stadt“ bis heute formal und inhaltlich (vor allem wirtschaftlich) viel mehr unterschiedliche Phänomene entwickelt, als z. B. in allen mittelalterlichen und ihnen folgenden Gründungsjahrhunderten zuvor. Die Rolle der tradierten Innenstädte als Namen gebende kommunale Zentren und Bezugsorte ging nirgends verloren. In den heutigen Stadtgrenzen stiftet aber nicht allein die (historische) Innenstadt der Wohnbevölkerung Stadt-Identität. Lebendige Quartiers- und Stadtteilzentren sind für den Lebensalltag möglicherweise viel wichtiger und haben eine höhere Bedeutung. Was uns „die ganze Stadt“ heute ist, gilt es fallweise zu beantworten. Wenn die Lebendigkeit von Städten angesprochen ist, hängt schließlich strukturell Alles mit Allem zusammen. Längst wird – als zwingend notwendig erkannt – eine Gegenreaktion praktiziert: Lebendige Natur schützen, erhalten und fördern. Wenn es um die lebendige Stadt geht, in der wir leben wollen, darf es kein Gegeneinander von Natur und Stadt geben, sondern ein Miteinander, was die Fürsorge um lebendige Natur nicht ausschließt, sondern geradezu erfordert. So jedenfalls wird es in der Stiftung Lebendige Stadt mit dem Förderschwerpunkt „Grün“ praktiziert.

Städte sind und bleiben Artefakte. Sie sind und werden von Menschen mit Absichten geschaffen. Das (vorurteilslose) Darüber-Reden und das dem folgenden Tun bilden zusammen nach wie vor ein Lebenselixier für die lebendige Stadt und die Zukunft des Städtischen. Die Diskussion um Stadt- und Lebensqualität im Rahmen und unter den Bedingungen der natürlichen Qualitäten unseres Planeten ist ein gesellschaftlicher Dauerauftrag. Lebendige Städte durch Stiftung fördern? Das ist aktueller und notwendiger denn je.