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Von manchen wurde nicht oder falsch
verstanden, dass sich eine private
gemeinnützige Stiftung auf das weite Feld
der Stadtentwicklung konzentrieren will,
noch dazu initiiert von der mit
gesamt-ganzheitlicher Projektierung höchst
erfolgreich in Europa agierenden
Einkaufs-Center Entwicklungsgesellschaft
Projektmanagement G.m.b.H. & Co. KG unter
ihrem Vorsitzenden der Geschäftsführung,
Alexander Otto. Inzwischen ist die Stiftung
engagiert den durch die Satzung
vorgezeichneten Weg gegangen und hat
Erfahrungen gesammelt. Sie ist bei vielen,
die an stadtentwicklungspolitischem
Austausch interessiert sind, bekannt
geworden, vor allem auch bei denjenigen, die
in Verwaltung, Wirtschaft und Politik
Verantwortung für
Stadtentwicklungsaktivitäten tragen. Vom
heutigen Standpunkt aus war die Wahl des
Stiftungsziels eine Pioniertat. Sie war
vordringlich motiviert durch die allgemein
als problematisch eingeschätzte Zukunft der
europäischen (Innen-) Städte, deren akute
„Verödung“ sichtbar wurde, und durch den
individuellen Vorsatz, den alle
gemeinwohl-orientierten Stifter haben, der
Gesellschaft „etwas zurückgeben zu wollen“.
Faktisch wurde mit dem Stiftungsanliegen
eine schon länger „in der Luft liegende“
Notwendigkeit erkannt und bedient: Die
Schlüsselorte unseres Wohlstandes – aber
auch die unserer Problemkonzentrationen –
nämlich die räumlichen Lebensumwelten der
(europäischen) Städte kamen als Gesamtheit
auf die Förder-Agenda. Der Fördergegenstand
wird, ursprünglich-politisch im besten Sinn,
nicht als zu optimierende Teilwelt gesehen,
sondern integriert, also in seiner
Gesamtheit untrennbar verbunden mit
gesellschaftlichen und individuellen,
sozialen und (vor allem) wirtschaftlichen
Teilwelten mit ihren jeweiligen Strukturen.
Zwei Hauptaktionsfelder prägen die
Stiftungsaktivitäten von Anfang an, nämlich
(A) „gute Praxis“ fördern, also beste
Problemlösungen herausfinden und (B) für den
Austausch darüber in großer Breite sorgen,
vordringlich unter Schlüsselpersonen, die
auf verschiedenen Ebenen Verantwortung für
die Entwicklung der städtischen Teilwelten
tragen. Best practice bedeutet dabei eben
nie nur optimale sektorale Problemlösung,
sondern immer zugleich Optimierung und
Attraktivitätssteigerung des Ganzen durch
integrierte Entwicklung, aber sehr
realitätsnah und immer auch durch gute
wirtschaftliche Machbarkeit. Der Austausch
in Form von Workshops, Förderpreisen,
Veröffentlichungen und in freien
Kongress-Foren soll diejenigen
zusammenbringen, die sowieso nicht schon
immer ihre Köpfe zusammenstecken. Er soll
anregen und letztlich breitere Optionen für
Stadtentwicklungsaktivitäten eröffnen. Es
ist ein (Weiterbildungs-) Beitrag zu
raumorientierter gesellschaftlicher
Stadtentwicklung, der sich von
fachwissenschaftlichen oder
vereinsprogrammatischen Bemühungen
unterscheidet und somit durchaus stilbildend
wirken könnte. Gelassenheit gegenüber
widerstreitenden Positionen war und ist
angesagt. Entscheidend ist die auf komplexe
Realitäten bezogene und
gemeinwohlorientierte Argumentation. Nach
meinem Eindruck ist die enorm zunehmende
Teilnehmerzahl an den jährlichen
Stiftungskongressen nicht allein dem
vorzüglichen Buffet, der perfekten
Organisation und dem unterhaltenden
Rahmenprogramm geschuldet. Ein Bedürfnis
nach direkter Kommunikation, über die
gemeinsam zu tragende Zukunft unserer Städte
und Stadtgesellschaften, von Mensch zu
Mensch und mit Chancen zum „Blick über den
eigenen Tellerrand hinaus“, wird bedient.
Der diffizile Prozesscharakter der
Stadtwerdung wird bei solchen
Veranstaltungen ebenso bewusst, wie die
Qualitäten der historischen (Innen-) Städte,
in denen wir in Deutschland in Europa leben
und die es für die Zukunft weiter zu
entwickeln gilt.
Die überkommenen Städte bleiben lebendig,
wenn sie nach unseren Regeln, Bedürfnissen,
Wünschen und Möglichkeiten genutzt und nach
unseren Leitbildern umgestaltet, erhalten
und verwaltet werden. So machten es
Generationen vor uns, nach ihren Bildern vom
guten Leben und von der „guten (Stadt-)
Regierung“. Nur, wer sind „wir“ heute und
wer hat die Gestaltungsmacht? Welchen
Leitbildern soll in heutigen demokratischen
Gesellschaftsstrukturen mit ihren teilweise
gegensätzlichen Wertvorstellungen gefolgt
werden? Sind wir „Ohne Leitbild?“ Welche der
vielen Bilder, die lebendig in den Köpfen
und in der Realität existieren, sollen für
die Stadt-Dualität – formende Veränderung
der Dinge (die gebaute Stadt) und Wechsel
des Geschehens (das Tun der Menschen) –
richtungweisend werden? Die Einheit von Form
und Inhalt lässt Städte mit ihren Licht- und
Schattenseiten lebendig sein und werden;
schon immer. Sind nur die Dinge erlebbar,
aber das zugehörige Geschehen ist nicht
vorhanden oder nur virtuell vorstellbar, so
sind es tote Städte, verödende Städte. Ist
das Geschehen erlebbar, aber die zugehörigen
Dinge fehlen, sind nur angedeutet oder
vorgespiegelt, so ist das nicht
(europäische) Stadt, sondern Theater, Kino,
TV oder Werbung. Bekanntermaßen gibt es
solches massenhaft und wechselhaft in
unseren Städten, wird geradezu Kennzeichen
heutiger lebendiger Stadt – die Dinge sind
tendenziell zweitrangig geworden. Welche
Qualitäten müssen die Dinge und das
Geschehen heute in den Städten bieten, damit
Menschen – möglichst alle, auch die
unangepassten und die benachteiligten und
die sogenannten Laien und die sogenannten
Fachleute – Stadt als lebenswert und als
real lebendig erleben, damit sie mit ihrer
eigenen wirklichen Lebendigkeit die Stadt
als Ganzes lebendig machen? Mit diesen
Fragen sind wir mitten im öffentlichen
Leben, im politischen, sozialen,
wirtschaftlichen und kulturellen Geschehen.
Die Diskussion um Antworten auf solche
Fragen gilt es zu fördern, nicht nur in
kleinen Fachzirkeln, sondern in großer
öffentlicher Breite, also mit vielen in der
Stadt. In einer pluralistischen
Gesellschaft, in der die Freiheit der
individuellen und gemeinsamen
Meinungsäußerung garantiert ist, sind solche
Diskussionen möglich und durch Förderung
initiierbar. Warum fördern? Weil solche
Diskussionen Grundlage, Kennzeichen und ein
kostbares Gut für das Städtische sind, weil
viele mitwirken können und Städtisches immer
nur im Spannungsfeld von Gemeinsamkeiten und
Individualitäten, Mehrheiten und
Minderheiten, Hellem und Dunklem lebendig
ist. In historischen Entwicklungslinien
gesehen: Weil das im europäischen
Mittelalter geprägte Wesen der
selbstbewussten bürgerlichen Stadt –
„Stadtluft macht frei“ – damit auch
weiterhin seinen (dem Subsidiaritätsprinzip
in unserer Gesellschaftsordnung angepassten)
Sinn behält. Nur mit kontrolliertem
Experimentieren und Ausprobieren in der
Praxis lassen sich Alltagstauglichkeiten und
Nachhaltigkeit von Konzepten für lebendige
Städte feststellen. Toleranz und Wachsamkeit
sind dabei gute Ratgeber.
Mit Freude beobachte ich, dass der
entwicklungspolitische Umgang mit der
europäischen Stadt sich „in Fachkreisen“
ändert. Das Lebendig-Halten der tradierten
Zentren europäischen Lebens mit ihrer langen
Geschichte unter heutigen Rahmenbedingungen
wird mit neuer Programmatik wieder aktiv und
engagiert konstruktiv, alle Aspekte
integrierend, diskutiert und angegangen.
Zumindest wird ein neuer Politikansatz ab
Ende 2008 vom Bundesministerium für Verkehr,
Bau und Stadtentwicklung, von der
Bauministerkonferenz, vom Deutschen
Städtetag, vom Deutschen Städte- und
Gemeindebund und von vielen Persönlichkeiten
mitgetragen. Die (deutsche) „Nationale
Stadtentwicklungspolitik“, ein
Poltikanspruch und -ansatz, der 2006 mit
einem ersten Memorandum der breiteren
Öffentlichkeit bekannt wurde, „bringt
Handelnde und Interessierte zum Thema Stadt
zusammen. Sie schafft Plattformen für einen
lebendigen Austausch, thematisiert aktuelle
stadtgesellschaftliche und städtebauliche
Trends und greift beispielhafte Handlungs-
und Lösungsansätze auf“ (vgl.
www.nationale-stadtentwicklungspolitik.de).
So ist es geplant und soll es einmal sein.
Dieser, der Stiftung Lebendige Stadt wohl
bekannter Ansatz war überfällig. Es kann
nicht genug solcher Art öffentlich oder
privat finanzierter Förderungen von
Stadtentwicklung geben. Das Konzept ist auf
„die ganze polis“ ausgerichtet. Der
Diskussionsgegenstand „die ganze Stadt“
dürfte strukturell Gemeinsinn und Gemeinnutz
fördern können. Die Hoffnung ist, dass sich
die Ergebnisse des geplanten lebendigen
Austauschs einmal in guter Praxis real
widerspiegeln, vor allem von möglichst
vielen dann auch als „gut“ erlebt werden.
Der Erfolg der Bemühungen ist nicht
selbstverständlich. Es gibt mehrere
„Gretchenfragen“. Eine lautet: Welche Art
Stadt, sozial und räumlich, meinen wir? Sein
und Werden unserer heutigen europäischen
Stadtwirklichkeiten unterliegen äußerst
komplizierten historisch entwickelten
Bestimmungsgrößen. Der Gegensatz von Stadt
und Land existiert nicht mehr.
Zuständigkeiten von Bund, Ländern und
Gemeinden existieren. Menschen mit ihren
Egoismen, Interessen und Eitelkeiten haben
sich nicht verändert. Ab Beginn der
Industrialisierung breitete sich das
Städtische physisch-real rasend schnell aus.
Begrenzende Stadtmauern verloren ihre
Schutzfunktion als Befestigung und ihre
Grenzfunktion als Akzisemauer. Spätestens
als Mauern fielen, vervielfachten sich Stadt
und Städtisches. Heute bedeutet
„Geschlossene Ortschaft“
Geschwindigkeitsreduzierung, aber nicht
Stadterlebnis. Stadt im 21. Jahrhundert? Das
sind Siedlungsformen, die heute mit
zusammengesetzten Worten als Altstadt,
Kernstadt, Randstadt, Vorstadt,
Zwischenstadt, Urban Sprawl, Global City
oder Mega City benannt werden. Sie bilden
als Gesamtheit höchst unterschiedlich Stadt
und Städtisches ab. Stadt ist wesentlich
eine Lebensform, deren Merkmale
Gemeinsamkeit und Individualität zugleich
sind. Heute können Breitbandkabel jede Hütte
im Wald virtuell zu einem Teil der Stadt
werden lassen. Bekanntermaßen hat „die ganze
Stadt“ bis heute formal und inhaltlich (vor
allem wirtschaftlich) viel mehr
unterschiedliche Phänomene entwickelt, als
z. B. in allen mittelalterlichen und ihnen
folgenden Gründungsjahrhunderten zuvor. Die
Rolle der tradierten Innenstädte als Namen
gebende kommunale Zentren und Bezugsorte
ging nirgends verloren. In den heutigen
Stadtgrenzen stiftet aber nicht allein die
(historische) Innenstadt der Wohnbevölkerung
Stadt-Identität. Lebendige Quartiers- und
Stadtteilzentren sind für den Lebensalltag
möglicherweise viel wichtiger und haben eine
höhere Bedeutung. Was uns „die ganze Stadt“
heute ist, gilt es fallweise zu beantworten.
Wenn die Lebendigkeit von Städten
angesprochen ist, hängt schließlich
strukturell Alles mit Allem zusammen. Längst
wird – als zwingend notwendig erkannt – eine
Gegenreaktion praktiziert: Lebendige Natur
schützen, erhalten und fördern. Wenn es um
die lebendige Stadt geht, in der wir leben
wollen, darf es kein Gegeneinander von Natur
und Stadt geben, sondern ein Miteinander,
was die Fürsorge um lebendige Natur nicht
ausschließt, sondern geradezu erfordert. So
jedenfalls wird es in der Stiftung Lebendige
Stadt mit dem Förderschwerpunkt „Grün“
praktiziert.
Städte sind und bleiben Artefakte. Sie sind
und werden von Menschen mit Absichten
geschaffen. Das (vorurteilslose)
Darüber-Reden und das dem folgenden Tun
bilden zusammen nach wie vor ein
Lebenselixier für die lebendige Stadt und
die Zukunft des Städtischen. Die Diskussion
um Stadt- und Lebensqualität im Rahmen und
unter den Bedingungen der natürlichen
Qualitäten unseres Planeten ist ein
gesellschaftlicher Dauerauftrag. Lebendige
Städte durch Stiftung fördern? Das ist
aktueller und notwendiger denn je. |